Der Pferde-Zirkel
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Asymmetrie ...

     ... warum Pferd & Mensch nicht immer die Kurve kriegen

 


Das Pferd lässt sich nicht korrekt biegen oder ein gewünschter Bewegungsablauf fühlt sich sehr ungeschmeidig. Häufig wird die Frage nach dem „WIE gehe ich dagegen an“ gestellt, doch eine sinnvolle Antwort gibt es eher auf die Frage nach dem „WARUM ist das so“.

 

Pferde und Menschen sind von Natur aus nicht symmetrisch oder gleichermaßen ausbalanciert in ihrer Körperhaltung und in ihrem Bewegungsmuster.  Das können wir uns täglich bewusst machen. - Während wir Menschen/Reiter mit unserem Körper Signale an das Pferd übermitteln, soll das Pferd diesen in einer gewünschten Haltung folgen. Häufig sind unsere Impulse oder Hilfen für das Pferd naturgemäß nicht umsetzbar, da unsere Körperbalance nicht mit der des Pferdes übereinstimmt oder gar entgegengesetzt wirkt.  

Schnell sind die Fronten zwischen Pferd & Reiter „verhärtet“.  Wenn dem Reiter das nötige Feingefühl oder Wissen zum Erkennen der Problematik fehlt,  wird durch Einsatz von Sporen, Schlaufzügeln, Ausbindern oder weiteren „Hilfsmitteln“ versucht, den „Hilfen“ mehr Deutlichkeit und Nachdruck zu geben. Der Teufelskreis dreht sich ...

 

 

 


Physiologische Asymmetrie oder die natürliche Schiefe des Pferdes


Die Schiefe wird oft mit Rechts- oder Linkshändigkeit verglichen,  das Pferd geht lieber rechts oder links herum. - Diese Erklärungsversuche lassen das eigentlichen Problem jedoch außer Acht. Dies ist in der Asymmetrie des Pferdekörpers begründet. Meist ist die linke Seite des Pferdes kürzer (hohle Seite) als die rechte (Zwangsseite).  Je ausgeprägter die Asymmetrie, desto geringer ist in der Regel auch die Tragfähigkeit des Pferderückens. Das Pferd kippt bei Wendungen stärker und schneller auf die linke Schulter (hohle Seite) während die schiebende diagonale Hinterhand nur mühsam unter den Schwerpunkt treten kann. Als Folge kann es zu einer Beckenschiefstellung kommen. Das Kreuzdarmbeingelenk und die unteren Gelenke der Extremitäten des Pferdes werden stark belastet. Das Pferd läuft „aus der Spur“.

Tragfähigkeit lässt sich nur erzielen, wenn das Pferd sich auf beiden Seiten nahezu ausbalanciert bei aktiver Hinterhand unter dem Reiter bewegen kann. Einige Reiter sprechen davon, dass ihr Pferd den Rücken wegdrückt, sobald durch vermehrtes Treiben die Hinterhand aktiviert wird.  Der Rücken ist hierbei selten das ursächliche Problem.  Je mehr Schub das schiefe Pferd entwickeln soll, desto mehr muss es sich ausbalancieren. Hierzu dient ihm die Halspartie als Balancierstange. Unerfahrene Reiter versuchen nun ihr Pferd über die Zügelführung in eine gewünschte Kopf-Hals-Haltung zu bekommen und verzichten zu Gunsten der Scheinoptik lieber auf eine reell unter den Schwerpunkt tretende Hinterhand. - Der korrekte Weg zur führt jedoch nur mit Geduld und Gefühl über eine aktive Hinterhand.

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Auf gebogenen Linien darf sich die Zügelhilfe nur auf ein leichtes Stellen in die gewünschte Richtung beschränken und soll das Pferd in seiner natürlichen Bewegungsfolge nicht behindern.  - So manch ein Reiter hat schon mal verzweifelt am inneren Zügel gezogen, während sein schiefes Pferd davon scheinbar völlig unbeeindruckt nach außen wegdriftete – zwar mit nach innen verbogenem Kopf und Hals, was es aber in keinster Weise daran hinderte, in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. „Über die Schulter ausbrechen“ nennt sich dieses Phänomen und dieser Begriff weist darauf hin, dass das Lenken beim Reiten ziemlich viel mit der Balance eben dieser Schulter zu tun hat. Das Paradoxe: Ein Pferd, das über die äußere Schulter ausbricht, driftet durch Zug am inneren Zügel nur noch stärker nach außen. Das Verbiegen des Halses nach innen zwingt es geradezu dazu, sein Gewicht nach außen zu verlagern. Im Trab oder Galopp kann das im Extremfall sogar zu einem Sturz führen. Deshalb gilt in dieser Situation – so schwer das auch fällt – Zügel innen loslassen!

Die natürliche Schiefe verursacht nicht nur dem Pferd unter dem Sattel Probleme,  auch Reiter beschweren sich  häufig über Rückenprobleme.  Oft läßt sich diese Schiefe schon an ungleich langen Steigbügeln erkennen. Doch nun kommt das WIE ... Wie lassen sich Balance, Biegung  und Tragfähigkeitin Einklang bringen:

 

 

 

Schulterbalance und Längs- / Rippenbiegung

Die Schulterbalance hängt eng zusammen mit der Längsbiegung - allgemein auch als Rippenbiegung bezeichnet. Denn wenn ein Pferd ausbalanciert eine gebogene Linie laufen soll, muss es sich zwangsläufig in seiner Längsachse biegen. Beibt es im Rumpf gerade, wird es sich wie ein Motorrad nach innen lehnen, um die Kurve zu schaffen. Diese Schräglage sieht man bei freilaufenden Pferden, sie lehnen sich in der Kurve nach innen und nehmen zum Balance-Ausgleich Hals und Kopf nach außen.  Ohne Reiter kommt das Pferd mit dieser Haltung noch ganz gut zurecht. Mit  Reitergewicht auf dem Rücken ist sie auf Dauer der Gesundheit nicht förderlich. Vor allem deshalb wollen wir beim Reiten genau das Gegenteil: Ein Pferd, das sich entsprechend der gebogenen Linie nach innen stellt und biegt und damit auch sein Gewicht gleichmäßig auf alle vier Beine verteilt.


Der Begriff „Rippenbiegung“ ist eigentlich irreführend, denn im Bereich der Rippen kann sich ein Pferd so gut wie überhaupt nicht biegen. - Woher kommt dann aber der Eindruck von Reiter und Betrachter, ein korrekt gebogenes Pferd würde sich tatsächlich entlang seiner gesamten Längsachse krümmen? Tatsächlich zieht in der Biegung die Muskulatur das innere Schulterblatt und damit das innere Vorderbein nach hinten. Das Pferd knickt sozusagen mit seiner Vorderhand zur Seite und kommt dadurch lehrbuchmäßig um die Kurve. - Zusammen mit der tatsächlichen, wenn auch sehr geringen Krümmung der Wirbelsäule erzeugt dies beim Betrachter (und Reiter) den Anschein einer Biegung durch den ganzen Rumpf. Ob ein Pferd korrekt gebogen ist, erkennt man daran, dass es mit den Hinterhufen in die Spur der Vorderhufe tritt und dass sein Kopf auch in der Wendung auf Höhe der Brustmitte bleibt und sich nicht seitlich verschiebt oder verwirft.

Was jeder Reiter wissen sollte: Biegung hat sehr viel mit Muskeldehnung zu tun - je enger die Wendung kommen zusätzlich mehr Aufrichtung und Kraft aus der Hinterhand zum Einsatz - und diese Dehnfähigkeit und Kraft  muss erst erarbeitet werden: Die äußere Muskulatur, insbesondere die langen Rückenmuskeln, müssen nachgeben, um die Biegung zu ermöglichen. Das ist besonders auf der Zwangsseite mit ihren verkürzten Muskeln genau die Schwierigkeit für das Pferd. Biegung muss deshalb behutsam trainiert werden, beispielsweise indem anfangs nur große Wendungen geritten werden und Seitengänge nur mit geringer Abstellung verlangt werden.



Nicht immer sind Probleme mit der Asymmetrie natürlichen Ursprungs, auch Blockaden auf Grund von Fehlbelastung oder unpassendem Equipment sind oft ursächlich zu finden. Hier lohnt eine physiotherapeutische oder osteopathische Abklärung um weitere Belastungen oder Schäden zu vermeiden.


Physiologische Asymmetrie oder die natürliche Schiefe des Reiters

Gymnastik und Schiefenkorrektur ist nicht nur für das Pferd wichtig, sondern auch für den Reiter. Habt Ihr schon einmal versucht, von rechts in den Sattel zu steigen, den Sattel von rechts auf das Pferd zu legen oder beim Fegen der Stallgasse mal die „Hand zu wechseln“? Wir Reiter sind meist noch weniger ausbalanciert als unsere Pferde.  - Wer genau wissen möchte, wie es um seine persönliche Schiefe steht,  kann sich von seinem Physiotherapeuten oder Osteopathen unter die Lupe nehmen lassen. Auch Reitlehrer beschäftigen sich mehr und mehr mit den körperlichen Einschränkungen von Reitern und bieten Übungen am Boden und auf und mit dem Pferd an. Sitzschulungen und Reitergymnastik sollten regelmäßig in ein Trainingsprogramm mit einbezogen werden, denn die Arbeit mit der Schiefe hört nie auf. Ganz ausbalanciert werden wir wohl nicht werden, aber das Training schafft ein ganz neues Körperbewußtsein und letztendlich mehr Freude beim Reiten.

 


Bilder: www.pferdialog.de - Text: Franziska Löffler / Claudia Friemert