Der Pferde-Zirkel
0151 22 46 48 63

 

 

Glückliche Reithengste ?  ... Wenn Hormone den Alltag bestimmen

 

 

 

Der Trend zur Haltung von Reithengsten hat in den vergangenen Jahren immer mehr Zuspruch gefunden. Stolz, Ausdruck und Muskelkraft - der Mythos Hengst lebt. Ein gut gerittener Hengst ist ein echter Blickfang. Dass Hengste ausgesprochen sensibel und lernbegierig sind, ist ein weiterer Grund für den anhaltenden Trend.


Imponierverhalten, aus dem zahlreiche Dressurlektionen abgeleitet wurden, zeigen Hengste oft schon von Natur aus. - Unter dem Sattel soll er diese typischen Merkmale auch stolz - aber kontrollierbar für den Reiter -  demonstrieren.  Sobald jedoch der Sattel vom Rücken ist, heißt es unverzüglich  „gelassen und entspannt“ bleiben. Hengstmanieren sind nun unerwünscht. Ein Widerspruch, der schnell zu Problemen führen kann. Spätestens hier kommt das Thema Dominanz und Erziehung ins Spiel...



 

„Gut erzogen“ ... was bedeutet das eigentlich?
Absoluter Gehorsam? - Unterwürfigkeit?


Meines Erachtens bedeutet „gut erzogen“ eine ausgewogene Balance zwischen Freiraum und Grenze, für die es kein einheitliches Raster gibt. Dennoch müssen Grenzen klar definiert und verständlich sein.

Grundsätzlich geht von jedem Pferd, egal ob Stute, Wallach oder Hengst eine gewisse Gefahr aus, der man sich immer bewusst sein sollte. Entsprechende Sachkenntnis, Empathiefähigkeit und Konsequenz im Umgang und bei der Haltung sind daher die Basis für das Erreichen dieser Balance.


Wenn wir einen Hengst dazu veranlassen wollen, die von uns gesteckten Grenzen zu akzeptieren, seinen Trieb zurückzustellen, von uns zu lernen und uns zu vertrauen, dann müssen wir selber mit berechenbarem und vorhersehbarem Verhalten, mit unerschütterlicher Ruhe, Vertrauen und Selbstkontrolle überzeugen.

 


Für den Menschen ist der Umgang mit Hengsten - oder auch Pferden im Allgemeinen - eine reine Freizeitbeschäftigung.  Für das Pferd ist seine Stellung in einem sozialen Umfeld - zu der auch der vertraute Mensch gehört - eine absolut existenzielle Wertigkeit. Und insbesondere Hengste benötigen zum Leben ein beständiges soziales Umfeld, das ihnen Kontakt zu Artgenossen, freie Bewegung und Umweltreize bietet. Diese Anforderungen lassen sich jedoch in einem Reit- oder Pensionsstall nur sehr selten realisieren.

Hengste haben entgegen der landläufigen Meinung einen sehr sozialen Charakter. Ihr Hauptaugenmerk dient dem Beschützen einer beständigen Herde. In freier Wildbahn sind es Stuten und Jungpferde, die seine Herde darstellen.  Das Führen der Herde und das Aufzeigen von Grenzen innerhalb einer Gruppe obliegt i.d.R. der Leitstute. Der Hengst fügt sich in die Gruppe ein, ist sehr wachsam und sichert die Herde nach aussen hin gegen Eindringlinge ab.  - Droht Gefahr, z.B.  durch konkurrierende Junghengste, dann - und nur dann - wird aus dem sozialen Familientier eine kampfstarke Waffe.  

Nicht jeder Hengst lebt jedoch das Privileg des Beschützers einer Herde. Die Mehrzahl frei lebender Hengste organisiert sich friedlich in sogenannten Junggesellengruppen, die immer wieder mal den Versuch wagen, sich Jungstuten einer bestehenden Gruppe zu nähern oder sich auch ein  bestehendes Harems zu erobern.



 

Hengste niemals isoliert halten!

Genau dieser Beschützerinstinkt wie auch der konkurrierende Eroberungsinstinkt macht Hengsten in unserer Gesellschaft das Leben schwer.  Selbst wenn in einer entfernten Box oder auf der Weide eine

rossige Stute steht, bedeutet das für den Hengst Stress pur.  Einige

Wallache oder Hengste in unmittelbarer Nähe werden  dann gerne mal

als Konkurrenz empfunden.  Ein ständig wechselnder Pferdebestand

bringt zusätzliche Unruhe.  Lebt der Hengst zu alldem auch noch sozial

isoliert in einer 3,5m x 3m Box und kommt nur zum Reiten aus seinem

Reich, dann sind Verhaltensauffälligkeiten vorprogrammiert.  

Die psychischen Schäden, die diese Tiere davontragen, können je nach Temperament und Charakter von Depressionen und lethargischem

Verhalten bis hin zu einer erhöhten Aggressionsbereitschaft reichen.

Nicht wenige dieser Hengste zeigen dabei auch selbstverletzendes

erhalten. Je länger ein Hengst in einer solchen nicht artgerechten Pferdehaltung verbleiben muss,  desto schwieriger wird es außerdem,

ihn später wieder in eine Pferdegemeinschaft zu integrieren.

Einen gut sozialisierten und in der Gemeinschaft aufgewachsenen

Hengst kann man i.d.R. problemlos mit Wallachen halten, wenn man

z.B. den Grundsatz beachtet, keine Stuten in Sichtweite zu halten.

 


Aus der Praxis


Ich selber besitze einen 13-jährigen Alt-Oldenburger Hengst, der viele Jahre mit seinen Stuten und seiner Nachzucht im Familienverband leben durfte.

Es ist einfach unbeschreiblich schön zu sehen, wie fürsorglich, aufmerksam, verspielt und individuell das Verhalten eines Hengstes seinen einzelnen Familienmitgliedern gegenüber ist.  Er hatte seine Lieblingsstuten und auch seine Lieblingskinder.  Der eine Junghengst wurde bereits mit 11 Monaten als Rivale angesehen, ein anderer dreijährig (Wallach) immer noch toleriert. War eine Stute aus der Rosse oder tragend, dann wurde die Zusammengehörigkeit dennoch gepflegt und durch Fellkraulen bestärkt (wenn die Stute das zuließ).

Als Reithengst konnte man ihn überall mit hinnehmen, sein Benehmen tadellos. Selbst zur Tarmstedter Ausstellung, platziert in einer Paddockbox - um die herum auch mal Stutenschauen abgehalten wurden - blieb er cool und gelassen.  Ein geregelter Tagesablauf brachte Vertrauen und Vorhersehbarkeit, die mit entsprechender Gelassenheit von ihm honoriert wurde.


Umzug in einen Pensionsstall

Dann folgte der Wandel - Nach einem Umzug in einen Pensionsstall in die Nordheide zeigte es sich, dass manche Reitstallbetreiber zwar gerne Hengste in ihrer Anlage aufstellen, doch hinsichtlich der Anforderungen weder Erfahrung oder Empathievermögen besitzen. - Die Paddockbox blieb nur offen, wenn der Nachbarwallach gerade auf Weide war.  -  Weidegang war willkürlich untersagt.  - Im Sommer 30 min. bis 120 min. Auslauf in einem 25x25m Hochsicherheitstrakt, der durch einen Wall nach aussen blickdicht eingefriedet war.

Es dauerte nur wenige Monate, da war mein ehemals lebensfrohes und ausgeglichenes Pferd lethargisch mit hyperaktiven Frustanfällen. - Geländeritte waren nicht mehr möglich, da der Rivalitätstrieb allen fremden Pferden gegenüber, die uns evtl. begegneten, nur schwer kontrollierbar blieb. - Der Boxennachbar wurde mit angelegten Ohren durch die Gitterstäbe begrüßt.  - Der Gang durch die Stallgasse war nur noch im Laufschritt zu bewältigen. ... Artgerechte Hengsthaltung ist nur in den allerwenigsten Reitställen umsetzbar.  Gerade wenn ein Pferd ein integriertes Leben gewohnt war, dann wird der plötzliche soziale Entzug zur Tortur.

Seitdem wir dann einen für uns geeigneten Pensionsstall gefunden haben, wandelt sich das Blatt wieder zum Positiven.  Die offene Paddockbox lädt zum Spielen und Fellkraulen mit zwei freundlichen Boxennachbarn ein. Täglicher Weidegang oder Winterauslauf, der auch mal zum Toben animiert, sowie Blickkontakt zu anderen Pferden erhöhen den Wohlfühlfaktor.  Soziale Kontakte und das Teilhaben am Stallgeschehen lassen ihn wieder aufmerksam und den meisten Pferden gegenüber freundlich werden.  

Dennoch haben wir uns für eine Kastration entschieden. Die Tatsache,  dass Stuten in einem Reitstall meist in Sicht- und Riechweite aber dennoch unerreichbar stehen,  bedeutet auch bei gutem Benehmen Stress pur für einen Hengst, der sich durch eine Kastration vermeiden lässt.

Ich würde mir wünschen, dass mehr Pensionsbetriebe die Möglichkeit einer artgerechten Hengsthaltung überdenken. Der Bedarf wird auch weiterin vorhanden sein und dem Trend nach wohl auch steigen.

 

 

 

Foto a ... www.torange-de.com   Zwei Hengste prüfen Beziehung


Foto b ... Nicole Baumgarten (mit Wessel)