Der Pferde-Zirkel
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Wer rastet
                 ... der rostet



 

Bedarfsgerechte Fütterung und eine dem Alter

entsprechende Pflege sowie medizinische Betreuung

sind wichtige Pfeiler zur Gesunderhaltung von Seniorpferden. Doch viele Pferde werden allzu früh in Rente geschickt.

 

Spätestens wenn sie für sportlich ambitionierte Reiter

nicht mehr ausreichend belastbar sind. Sei es aus gesundheitlichen Gründen oder weil einfach die Leistungsfähigkeit im Wettbewerb nicht mehr den

geforderten Ansprüchen genügt. Sportpferde wie

auch Schulpferde sind häufig von diesem radikalen

Absprung ins „Gnadenbrot“ betroffen.

 


Nicht selten werden diese Pferde in ganz kurzer Zeit nach Beginn ihres Renterdaseins wirklich alt. Sie bauen ab – mental und gesundheitlich. Dieser Prozess ist schon vergleichbar mit unserer menschlichen Ebene, wenn ein allgemein gesunder und sozial integrierter berufstätiger Mensch von heute auf morgen ohne Aufgabe aufs Altenteil verschwindet. Er fällt häufig in ein sozial isoliertes Loch ohne Beschäftigung und ohne Motivation zur Bewegung. Er fühlt sich nicht mehr gebraucht – rastet und rostet.


Alte Pferde brauchen Beachtung und Aufgaben

Wer denkt, dass alle alten Pferde am glücklichsten sind, wenn man sie auf einer Wiese mit anderen Pferden in Ruhe lässt, der irrt. Besonders für Pferde, die ihr Leben lang gearbeitet und regelmäßig trainiert wurden, ist das Gefühl gebraucht zu werden, enorm wichtig. Das bedeutet nicht, dass alte Pferde nicht auf eine Weide sollen. Soziale Kontakte zu Artgenossen und freie nicht fremdbestimmte Bewegung an frischer Luft sind absolut vorrangig. - Dies gilt für aktive Pferde, die regelmäßig trainiert werden in gleichem Maßen,  wie für die Rentner unter unseren
Vierbeinern.

Es gibt allerdings zahlreiche Möglichkeiten, um dem Partner Pferd auch weiterhin zu vermitteln dass er Partner bleibt - mit und ohne Sattel. Viele alte Pferde, die ihr Leben lang geritten wurden und nun etwas gesetzter sind, freuen sich, wenn man sie auf einen Spaziergang mitnimmt oder ihnen einfach nur mit einer dicken Satteldecke und einem Voltigiergurt kleine Kinder auf den Rücken setzt. So manch ein Pferdehalter würde sich wundern, wie behutsam ihr alter Griesgram auf einmal mit kleinen Kindern umgeht.

 

 

 


Beispiel Piano W


Der mittlerweile 23-jährige Oldenburger-Wallach Piano W ist ein charakterstarker Schimmel, der liebevoll von seinen Menschen

„Opa“ genannt wird.  Während seiner erfolgreichen Turnierlaufbahn wechselte er mehrfach den Besitzer bis er 2006 sein zu Hause bei

Martina Tietjen auf dem Hof Bahrenwinkel in Osterholz-Scharmbeck fand.

131 Platzierungen und fast 40 Gewinne in Dressurprüfungen der

Klasse L und M gehen auf das Konto von „Opa“. - 2010 sollte er

nun endlich in den wohlverdienten Ruhestand gehen – das fand

Opa aber nicht wirklich in Ordnung. Er wollte nicht zum alten Eisen gehören und entwickelte sich zu einer übellaunigen männlichen Diva.

2011 fand sich eine Pflege- und Reitbeteiligung für Piano W – ohne Turnierambitionen - was aber nicht von langer Dauer blieb. 

 

Nun wird er regelmäßig gepflegt, betüdelt und geritten. 2012

lief Opa mit seiner Reitbeteiligung 5 Dressurprüfungen der

Klasse E und trotz seines Alters wurde er immer platziert und

gewann im August sogar mit einer Wertnote 8,0 seine Prüfung in Schwanewede.

Opa kommt jeden Tag mit seinen Kumpels raus und es ist für alle

eine große Freude,  wenn er mal wieder bockend über die Weide

tobt.



Pferdesenioren … unter dem Sattel

Sofern alte Pferde keine stark belastenden Probleme mit den Gelenken, Sehnen, dem Rücken oder andere schmerzhafte Erkrankungen haben, spricht nichts dagegen, sie noch regelmäßig unter dem Sattel zu bewegen. Im Gegenteil, das verlangsamt den Muskelabbau, verhindert Übergewicht und regt den Stoffwechsel an.
Steht das Pferd nach jahrelanger Arbeit noch gut genug im Training wirkt ein flotter Galopp im Gelände schon mal wie ein Jungbrunnen. Fordern nicht Überfordern steht jedoch an erster Stelle, denn starkes Schwitzen, Keuchen oder Stolpern sind eindeutige Zeichen, dass die Grenze des guten Willens überschritten wurde.
Da der Stoffwechsel alter Pferde i.d.R. verlangsamt ist, können sie leichter schwitzen, ein dickeres Fell bekommen und sind auch anfälliger für Infekte. – Regelmäßige Bewegung an frischer Luft ist gut für Herz und Lunge und stabilisiert das Immunsystem.

… oder als Handpferd


Ist der Rücken für das Tragen eines Reiters schon zu schwach, aber das Pferd trotzdem noch arbeitswillig, kann man es bei Ausritten auch als Handpferd mitführen, sofern es sich mit dem Reitpferd versteht. So bewegt es sich und hat etwas Abwechslung im Alltag.  Das Reitpferd sollte ebenfall mit dem Handperd vertraut sein.


… oder bei der Bodenarbeit

Immer wieder werde ich mit dem Vorurteil konfrontiert, dass ältere Pferde nicht mehr lernfähig sind. – Bei genauem Hinsehen sind es dann doch eher die Pferdehalter oder Reiter, die es nicht gelernt haben sich mit ihrem Pferd anders als vom Sattel aus zu beschäftigen.

Ein Pferd ist grundsätzlich kein ausschließlicher Befehlsempfänger. Es hat ganz persönliche Bedürfnisse, teilt sich mal deutlich mal weniger deutlich mit und wird ganz oft nicht verstanden.

In vielen Reitbetrieben  wird leider nach wie vor eine Art von Reitlehre vermittelt, die kein Platz für Kommunikation lässt. Kommunikation bedeutet „Austausch von Informationen“. Das Pferd und wir als Reiter erhalten und senden gleichermaßen wechselseitig Signale – ein immerwährender Lernprozess für Pferd und Reiter. Feingefühl, ein offenes Wesen und die Bereitschaft das Pferd als hochentwickeltes Lebewesen anstatt als Sportgerät zu erkennen, sind Voraussetzung für die Beschäftigung und Betreuung von Pferden – von alten Pferden insbesondere. – Manch einem fällt die Kommunikation von Mensch zu Mensch schon sehr schwer …

Alte Pferde werden auf Grund von Verschleißerscheinungen der Gelenke, Bänder und Sehnen oft ziemlich steif. Beschäftigung vom Boden aus kann hier kleine Wunder bewirken und alte Pferde körperlich und geistig noch lange fit halten. - Koordination und Geschicklichkeit erhält man, indem man Pferde mit bodennahen Hindernissen konfrontiert. Auch die Dualaktivierung ist eine sinnvolle Beschäftigung mit älteren Pferden. Bei der Dualaktivierung kommen Stangen oder Bodenpads in den Farben Gelb und Blau zum Einsatz.

Durch die Farben Gelb und Blau werden dem rechten und dem linken Pferdeauge und damit der linken und rechten Gehirnhälfte Reize vermittelt, welche die neuronale Vernetzung im Gehirn fördert. Nachweislich kann hierdurch die Koordinationsfähigkeit und Aufmerksamkeit nicht nur des alten Pferdes verbessert werden.


Handarbeit für Muskeln, Bindegewebe und als Basis der Kommunikation


Massagen und Dehnungsübungen unterstützen zum einen die Elastizität des Bindegewebes und den Muskeltonus. Sie sind damit eine wichtige Grundlage für Beweglichkeit  und Wohlbefinden. Durch Anwendung verschiedener Massageroutinen lernen Mensch und Pferd aber ebenfalls sich gemeinsam zu entspannen, zu vertrauen und sich aufeinander einzulassen, ganz unabhängig vom Alter.

Mittlerweile gibt es eine Reihe von wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass die Ausschüttung des Hormons Oxytocin von beachtlicher Bedeutung für Vertrauen und Lernbereitschaft ist. Dieses sogenannte „Wohlfühlhormon“ wird durch Berührung bereits beim Putzen aktiviert. Rezeptoren für Oxytocin wurden besonders häufig im Gehirn von sozialen Säugern gefunden (Pferd, Mensch …). Sie verstärken das belohnende Erleben sozialer Kontakte und erhöhen die Motivation, sozial zu interagieren. Sie erklären ebenfalls die Tendenz zu Mensch-Tier-Beziehungen und ein Stück weiter deren positiven Effekt.

Pferde-Massage nicht nur sportlich ambitioniert oder zu Rekonvalenzzwecken, hält immer mehr Einzug in das Bewusstsein von Pferdehaltern. Gerade Seniorpferde im Ruhestand benötigen diese Zuwendung um weiterhin eine soziale Verbundenheit zu erfahren.  - Susan Grünholz, erfahrene Therapeutin für Equine Sports Massage aus Midlum, zeigt uns einfach anzuwendende Massageroutinen, die jederzeit in die Pflege und Beschäftigung mit dem Seniorpferd einfließen kann.  Mit fünf verschiedenen Handgriffen wird das Pferd von der linken Seite von oben nach unten und von vorne nach hinten massiert. Streichen, Kneten, Klopfen, … - Druck und Tempo der Handgriffe steuert das Pferd, das sehr eindeutig zeigt, was gefällt und was nicht gefällt – man braucht nur „zuzuhören“.

Auch einfach anzuwendende Dehnungsübungen, bei denen weder Druck noch Zug ausgeübt werden dürfen, helfen unseren alten Pferden in der Elastizität der Bewegung.

Vor jedem Reiten prüfe ich als Beispiel spielerisch die Beweglichkeit und die Biegsamkeit meines Pferdes. Ich nehme ein Leckerlie oder eine Karotte und führe diese langsam seitlich abwärts, soweit wie mein Pferd ohne Probleme in der Biegung folgen kann ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Wichtig: auf beiden Seiten üben!

Das Dehnen der Vorder- und Hintergliedmaßen sollten Sie sich von einem fachkundigen Therapeuten zeigen lassen. Schon etwas zu viel Druck oder Zug kann ungewollt zu Verspannungen oder im schlimmsten Fall zu Verletzungen führen. – Gerade bei alten Pferden ist es wichtig, die Muskulatur vor den Dehnungsübungen  in der Schrittbewegung aufzuwärmen, um evtl. Muskelzerrungen vorzubeugen.
Ich freue mich, Ihnen in diesem Beitrag einige Anregungen zur Beschäftigung Ihrer Pferdesenioren mit auf den Weg geben zu können.

Für Fragen in Bezug auf Pferdemassage steht Ihnen Susan Grünholz unter Telefon 0172 4173715 zur Verfügung - www.sgrünholz.de